Kurzbeschreibung der Workshops

Digitalisierung und Menschen mit Komplexer Behinderung

ONLINE-Tagung, 23.-30. April 2021

WS-A

Entwicklung assistiver Technologien für Menschen mit Komplexer Behinderung aus pädagogischer Perspektive - Erfahrungen mit KI-gestützter Kommunikationsunterstützung

Referent:
Prof. Dr. Peter Zentel
Sonderpädagoge, LMU München

Im Workshop werden KI-gestützte Technologien vorgestellt, auf deren Grundlage pädagogische Szenarien abgeleitet werden, die das Ziel haben, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmungsprozesse bei Menschen mit komplexen Behinderungen anzuregen. Die Basis dafür ist eine umfassende systematische Diagnostik, die die individuellen Möglichkeiten identifiziert. In dem Workshop werden Technologien, diagnostische Verfahren und pädagogische Szenarien vorgestellt. Darüber hinaus werden ethische Implikationen diskutiert.

WS-B

Wie sich Einrichtungen auf den Weg der Digitalisierung machen: Ziele, Methoden, Strategien

Referent:
Prof. Dr. Helmut Kreidenweis
Professor für Sozialinformatik an der Kath. Universität Eichstätt-Ingolstadt, Gründer und Vorstand des Digitalverbandes FINSOZ e.V., Inhaber der Beratungsfirma KI Consult, Augsburg

So wie die digitale Transformation alle Dimensionen des menschlichen Lebens betrifft, so bleibt auch kein Bereich einer sozialen Organisation davon ausgenommen: Fachliche Arbeit, Führung, Personalwirtschaft, Rechnungswesen, Marketing und alle anderen Funktionsbereiche gilt es in den Blick zu nehmen. Hinzu kommt die Vielfalt und hohe Entwicklungsdynamik der potenziell verfügbaren Technologien. Diese Komplexität ist nur mit einer strategischen, aber gleichzeitig flexiblen Herangehensweise beherrschbar.
Digitaler Wandel ist zu allererst ein Wandel in den Köpfen. Im Workshop wird vorgestellt, welche Zusammenhänge zwischen Unternehmens- und Digitalisierungsstrategien bestehen und mit welchen Herangehensweisen eine Digitalisierungsstrategie entwickelt werden kann. Dabei wird die Rolle der Führungsebene ebenso thematisiert wie die Einbindung der Mitarbeitenden – seien sie technikbegeistert oder technikskeptisch. Verschiedene Methoden können dabei helfen, künftige Szenarien einer digital gestützten Arbeit zu entwickeln, die die Bedürfnisse der Betroffenen und Angehörigen gleichermaßen in den Blick nimmt, wie die der Mitarbeitenden und der Organisation als Ganzes. In der abschließende Diskussion können Erfahrungen ausgetauscht werden: Welche Wege wurden bislang beschritten? Welche erwiesen sich als erfolgreich, welche weniger? Wo liegen Stolperfallen und wie lassen sich Veränderungen am besten voranbringen?

WS-C

Digitalisierung bei Leben mit Behinderung Hamburg. Perspektiven auf ein digitaleres und technischeres Leben - für alle

Referentin:
Maike Staniek
Techniklabor des Elternvereins Leben mit Behinderung Hamburg, Hamburg

2015 wurde das TECHNIKLABOR von Leben mit Behinderung Hamburg als ein offenes Treffen von und für Technikinteressierte gestartet. Es war von Anfang an das Ansinnen, unserem Klientel mehr Teilhabe, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung zu bieten – mit oder durch technische Hilfen und IT-Lösungen und zwar fernab der „Kauflösungen“ und auch digital. Nach 6 Jahren können wir von einigen Erfolgsgeschichten, die sich zum Teil vom TECHNIKLABOR abgelöst und verselbstständigt haben und zum Teil auch der Corona-Krise zu „verdanken“ sind, berichten. Wer schreibt Erfolgsgeschichten? Einfache Hard- und Software-Lösungen, die von motivierten Fachkolleg*innen in die Einrichtungen gebracht und den Klient*innen zur Verfügung gestellt werden. Es entstehen neue Gefühlswelten auf beiden Seiten: Selbstwirksamkeit beim Menschen mit Behinderung und Vertrauen bei der Fachkraft in die Nutzung seiner oder ihrer Fähigkeiten – trotz innerer Widerstände.
Neue Räume bedeuten auch neue Risiken. Doch davor zurückschrecken ist keine Option! Die Corona-Krise hat viele unserer Klient*innen in eine noch stärkere Isolation geführt, doch digitale Angebote eröffneten nicht nur ein neues Lernfeld für uns alle, sondern ebenfalls Raum für neue Möglichkeiten, die eine Ahnung entstehen lassen, was noch alles möglich sein kann und wo wir uns über Risiken bewusst werden und an denen wir alle lernen müssen.

WS-D

Kuscheln mit der Roboter-Robbe?! - Einsatz emotionaler und sozialer Robotik bei Menschen mit Komplexer Behinderung

Referentin:
Prof. Dr. Melanie Willke
Professorin für Bildung im Bereich Körperlich-motorische Entwicklung und Chronische Erkrankungen an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Zürich, Schweiz

Im vertiefenden Workshop zum Vortrag "Kuscheln mit der Roboter-Robbe?! – Einsatz emotionaler und sozialer Robotik bei Menschen mit Komplexer Behinderung" wird der Frage nachgegangen, ob und wenn ja, wie der Einsatz sozialer und emotionaler Robotik auch bei Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen sinnvoll ist.
Welche Möglichkeiten bieten sich an und welche Auswirkungen kann die Beschäftigung mit ihnen haben? Wie wirkt sich beispielsweise der Kontakt mit sozialen Robotern auf die Emotion und Kommunikation von Menschen mit komplexer Behinderung aus?

WS-E

Beispiele und Einsatzmöglichkeiten der AAL (Ambient Assisted Living) zur Unterstützung der Kommunikation

Referent*innen:
Ingolf Rascher
Sozialwissenschaftler und Gesundheitsökonom, Bochum
Sandra Kranzfelder-Leide
Dipl. Sozialpädagogin (FH), Master of Social Management, Supervisorin (DGSv), Dominikus-Ringeisen-Werk, Ursberg

Die digitale Transformation erreicht immer mehr Bereiche der Gesellschaft. Auch Akteure auf dem Gebiet der Heilerziehungspflege, Psychotherapie, Sozialarbeit, die sich für Inklusion, Integration und Zusammenhalt einsetzen, suchen nach neuen digitalen Lösungen für Menschen mit körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen. Digitale Medien und Technologien haben das Potenzial für mehr Teilhabe, werden aber aktuell noch zu selten eingesetzt. Auch ist der Markt der assistiven Technologien sehr unübersichtlich.
Kommunikation ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und bestimmt den Alltag. Der Vortrag berichtet zum aktuellen Stand aus Forschungsprojekten und der Praxisarbeit mit assistiven Technologien im Bereich Kommunikationsunterstützung (z.B. Augmented Reality, Eye-Tracking, Robotik, Sprachsteuerungen, Statischen Kommunikationhelfern-Talker). Technologien ermöglichen z.B. den Zugang zu digitalen Medien, sie unterstützen die Kommunikation und fördern die Kompetenzen.
Der Workshop zeigt praktische Lösungen von Netzwerkpartnern und berichtet von deren Erfahrungen. Berichtet wird ebenfalls aus aktuellen Praxiserfahrungen mit dem Einsatz von humanoider Robotik (beim Dominikus-Ringeisen-Werk) und Videochat für die Autismustherapie (Autismus Therapiezentrum der fundk Bochum).

WS-F

Makerspaces, digitaler 3-D-Druck und weitere digitale Technologien zur kreativen Alltagsgestaltung bei Menschen mit Komplexer Behinderung

Referent:
Nils Beinke-Schulte
Sonderpädagoge an der Schule am Weserbogen Bad Oeynhausen, Gründer von Makers Help Care, Hüllhorst

Wie wäre es für einen Menschen mit Komplexen Behinderungen, wenn jeder Aspekt des Spielzeugs individuell anpassbar wäre? Jetzt stellen wir uns auch noch vor, dass die Herstellung nicht anonym in einer Fabrik erfolgt, sondern von lieben Mitmenschen im Hobbykeller übernommen wird. Möglich machen es jetzt digitale Fertigungstechniken - wie der 3D-Drucker - und eine immer positivere Einstellung zum Selbermachen. 3D-Druck klingt immer noch etwas nach Star Trek und Zukunftsmusik. Dabei ist die Technik weder neu, noch von einem anderen Stern. Glücklicherweise kommen immer nutzerfreundlichere und preiswertere Drucker auf dem Markt, die es möglich machen, die Spielzeuge und die Hilfsmittelversorgung von Menschen mit Behinderung ein Stück weit in die eigene Hand zu nehmen. In dem Workshop erzählt Sonderpädagoge Nils Beinke-Schulte von seinem Projekt "Makers Help Care", welche Spielzeuge in den freien Bibliotheken im Internet warten und wie sie angepasst werden können.

WS-G

Anwendung digitaler Technologien in der schulischen und außerschulischen Praxis

Referent:
Igor Krstoski
Sonderschullehrer an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Abteilung Pädagogik/Didaktik im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung

Von Thomas Knaus (2013) stammt folgendes Zitat: "Bereits an anderen entscheidenden Stationen der Technikgeschichte zeigte sich, dass erstens Vereinfachungen beziehungsweise Verbesserungen der Usability stets zu breiterer Nutzung und zweitens der komfortablere Zugang zu einer intensiveren Nutzung führten." (S. 33) Dank des universellen Designs sowie Neu- und Weiterentwicklungen verfügen Tablets über sämtliche Benutzerschnittstellen von speziellen Hilfsmitteln der Unterstützten Kommunikation (vgl. Krstoski 2019). Dadurch ergeben sich teilweise völlig neuartige Aktivitäts- und Partizipationsmöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigungen. Im Workshop werden für die verschiedenen Benutzerschnittstellen von Tablets diverse Anwendungsmöglichkeiten vorgestellt. Hierbei liegt der Fokus auf dem iPad von der Firma Apple.

Knaus, T. (2013). Technik stört! Lernen mit digitalen Medien in interaktionistisch-konstruktivistischer Perspektive. In T. Knaus & O. Engel (Hrsg.), fraMediale - digitale Medien in Bildungseinrichtungen (S. 21-60). München: kopaed.
Krstoski, I. (2019). Assitierende, Assistive und Unterstützende Technologien - Trends, Neu- und Weiterentwicklungen im Fokus. Unterstützte Kommunikation (3), S. 6—15.

WS-H

Do-it-Yourself: Tools und Software für die Medienpädagogik mit Menschen mit komplexen Behinderungen

Referentin:
Prof. Dr. Isabell Zorn
Professorin für Medienpädagogik am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik an der TH Köln

Informelles Lernen mit Medien ist lustbetont, spielerisch, Menschen können entsprechend ihrer Vorlieben und Interessen sich neues Wissen aneignen, sich ausprobieren, Kontakte erproben, entscheiden, was sie wem wie von sich preisgeben. Wenn wir hier die Internetnutzung vor Augen haben, wird deutlich, wie die Auswahl von Informationen, Filmen, Musik per Mausklick oder Tastendruck eine gewisse Eigenaktivität unterstützt und selbstgesteuerte Aktivität des Subjekts ermöglicht. Die Aufgabe der Medienpädagogik kann nur darin bestehen, die individuellen Voraussetzungen und geeignete Rahmenbedingungen für die Erschließung dieser
Handlungsspielräume zu schaffen. Das muss vorzugsweise in den Bildungsinstitutionen und den Wohneinrichtungen erfolgen. Wie lässt sich das praktisch umsetzen?
Im Workshop werden Tools und Software für die medienpädagogische Arbeit mit komplex behinderten Menschen diskutiert und ausprobiert. Dabei werden die DSGVO-Konformität und Einstellungen zur Wahrung der Privatsphäre sowie Barrierefreiheit, wo immer möglich, berücksichtigt.
Bitte bringen Sie Ihre Beispiele und Erfahrungen ebenfalls ein und zeigen Sie gegebenenfalls Anschauungsmaterial. Sie sind eingeladen, bei Interesse gern ein Gerät "mit" zur Videokonferenz zu bringen, das Ihnen erlaubt, eine Software herunterzuladen und zu installieren. Die Bandbreite möglicher Tools bestimmen Sie nach Interesse, denkbar sind z.B. Messenger und Kommunikationssoftware, Methoden für individualisierte selbstgebaute Assistenztools, NFC-Chips, Webseiten mit Anleitungen für die Medienpädagogik und medienunterstützte Arbeit mit behinderten Menschen, Musik, Übersetzungen, Aufzeichnungsmedien, Text-to-Speech und Speech-to-Text, Ursache-Wirkung, Computersteuerungen, Umfeldsteuerungen.

WS-I

Mensch-Computer-Symbiose in der Entwicklung von Interaktion und Kommunikation von Menschen mit Komplexer Behinderung

Referent*innen:
Dr. Ursula Braun
Förderschulkonrektorin, Karl-Preising-Schule, Bad Arolsen
Prof. Dr. Klaus Miesenberger
Institutsvorstand Institut Integriert Studieren, Johannes-Kepler-Universität Linz, Österreich

Die Entwicklung von Interaktion und Kommunikation durch und mit Menschen mit Komplexer Behinderung ist eingebunden in die Unmittelbarkeit der Beziehung mit betreuenden Personen. Verhaltensäußerungen (Bewegungen, Gesten, Mimik, Blicke, Laute) werden erkannt, ausgewertet, interpretiert, verstärkt und genutzt, um Interaktion und Kommunikation, Intentionalität und Aktivität zu realisieren. Durch empathisches Beobachten und Reagieren, durch Ritualisierung und Routine kann sich eine je individuelle Form symbolischer Interaktion und Kommunikation entwickeln. Dies ist Basis für eine Anbindung und Teilnahme an Sprache, Kultur und Weltwissen. Und sie ist auch die notwendige Voraussetzung für die Nutzung digitaler Technologie für mehr selbstbestimmte Teilhabe. Die Ermöglichung von Ich-Bezogenheit ("Ich"), das Erkennen, Förderung und Einbeziehen von Intentionalität der Verhaltensäußerungen in Bezug auf die Umwelt ("Ich - Du/Dinge") sowie intentionaler vor-symbolischer (Ich - Du - Dinge) und symbolischer (Ich - Du - Dinge – Symbol) Kommunikation bilden damit die Grundlage für Kommunikation und auch die Nutzung der Mensch-Computer-Schnittstelle und die Möglichkeiten Assistierender Technologien und Barrierefreiheit.
Auf Basis der Präsentation und Diskussion von Methoden, Konzepten und Praxis dieser vier Ebenen wird auf das Potenzial digitaler Technologie zur Unterstützung dieser vier Schritte Bezug genommen (z.B. Sensorik, Multimedialität, Multimodalität, Aktorik, Auswertung, Organisation). Es wird zur Diskussion gestellt, ob und wie Digitale Technologie in die Symbiose von Menschen mit Komplexer Behinderung und ihrem betreuenden Umfeld unterstützend eingebunden werden kann. So sollen Möglichkeiten und Chancen für eine nutzer*innenzentrierte Förderung und Begleitung von Menschen mit Komplexer Behinderung hin zu mehr Selbstbestimmtheit und Partizipation erörtert werden. Gefahren einer dehumanisierenden Technokratie werden reflektiert. Der Workshop macht keine Hoffnungen auf schnelle Lösungen, sondern lädt ein, kreative soziale Innovationen zu denken.

Nach oben