Kurzbeschreibung der Workshops

Fachtagung - Essen und Trinken bei Menschen mit Komplexer Behinderung

Berlin, 25./26. Oktober 2019

WS-A

Essen, Trinken und Sondenernährung in Einrichtungen der Behindertenhilfe

Referentinnen:
Dr. Annette Damag
Sonderpädagogin, Förderschullehrerin, Institut für Sonderpädagogik, Universität Koblenz-Landau
Dr. phil. Helga Schlichting
Förderschullehrerin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Förderpädagogik, Universität Leipzig

Essen und Trinken spielen im Alltag von Menschen mit Komplexer Behinderung eine große Rolle. Sie wiederholen sich regelmäßig, geben dem Tag Struktur und sind mit Gemeinschaftserleben und vielfältigen Ritualen verbunden.
Viele dieser Menschen erleben Mahlzeiten wenig genussvoll und befriedigend. Störungen bei der Aufnahme, beim Kauen und beim Schlucken führen dazu, dass die Betroffenen nicht ausreichend und
vollwertig essen können. Vielfach ist eine (zusätzliche) Ernährung über eine Magensonde die einzige Möglichkeit, Menschen mit Komplexer Behinderung ausreichend mit Essen und Trinken zu versorgen.
Der Workshop möchte die Probleme rund um das Essen und Trinken bei Menschen mit Komplexer Behinderung aufgreifen, Lösungsmöglichkeiten aufzeigen und verschiedene Hilfsmittel vorstellen. Weiterhin sollen pädagogische Gestaltungsmöglichkeiten, wie die Erhaltung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, Ermöglichen von Kommunikation und Selbstbestimmung usw. thematisiert werden.
Außerdem sollen Hinweise im Umgang und in der Entscheidungsfindung bezüglich einer Sondenernährung bzw. auch einer Sondenentwöhnung diskutiert werden.
Dabei ist es Ziel im Workshop mit den TeilnehmerInnen ins Gespräch zu kommen und sich gemeinsam konstruktiv über Probleme und Erfahrungen auszutauschen.

WS-B

Ursächliche Zusammenhänge und erleichternde Maßnahmen bei Magen-Darm-Beschwerden

Referentin:
Carmen Rietzler
Leiterin Internat und Kurzzeitpflege, Körperbehinderte Allgäu gGmbH, Kempten

Verdauung und Ausscheidung sind komplexe Körperfunktionen, die ständig und vielfach unbewusst passieren. Sie rücken besonders dann ins Bewusstsein, wenn etwas nicht reibungslos funktioniert.
Sicher kennen Sie die "Urlaubsverstopfung". Im Urlaub isst man andere Speisen, hat einen anderen Tagesablauf und andere Toiletten. Dies allein genügt schon, um unser System zumindest herauszufordern oder gar komplett durcheinander zu bringen.
Menschen, die in irgendeiner Form in der Pflege auf Hilfe angewiesen sind, sind abhängig von den Pflegepersonen. Die Art der Beziehung und die Haltung des Pflegenden beeinflussen den zu Pflegenden auf vielfältige Weise. Eltern und Angehörige geben uns vor, welchen Rhythmus und welche Rituale für das Kind, den Jugendlichen oder Erwachsenen wichtig sind. Selbst wenn Betreuer alles genau so übernehmen, verändern sich Verdauung und Ausscheidung in anderer Umgebung. Es scheint ein Phänomen zu sein, dass Bewohner von Einrichtungen Verdauungsschwierigkeiten haben und zumeist zu Verstopfung neigen.
Betreuer sind Beobachter, die feinfühlig auf das reagieren, was sie wahrnehmen. Sie sind gefordert, zu interpretieren, Zusammenhänge zu entdecken und Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie probieren aus und verändern die Abläufe wenn es neue Aspekte gibt. Sie sind als Dolmetscher tätig und erklären den zu Betreuenden, was sie tun, was sie sehen und warum sie dies und jenes tun oder nicht tun. Und sie versuchen, ihr Gegenüber auf irgendeine Weise zu Äußerungen zu bewegen und diese wahrzunehmen und zu respektieren.
Es ist eine Herausforderung, Ursachen für Probleme bei Verdauung und Ausscheidung bei Menschen mit Behinderung zu finden und diese positiv zu beeinflussen. Der Vortrag soll verschiedene Aspekte beleuchten und Anregungen und Denkanstöße geben.

WS-C

Position und Aktivität: Wie beeinflussen bzw. fördern Haltung und Bewegung Essen, Trinken und Schlucken?

Referentin:
Doris Talmon
Krankenschwester, Praxisanleiterin, Kinaesthetics Trainerin, WBZ Westpfalz-Klinikum, Kaiserslautern

Die Unterstützung bei der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme kann für alle Beteiligten mitunter eine große Herausforderung bedeuten.
Oftmals spielen Ausgangsposition und Regulation der Muskelspannung eine große Rolle für die Funktion des Schluckens.
Im Workshop soll herausgearbeitet werden, was es grundsätzlich heißt, in einer Position zu sein und wie wir deren Stabilität subjektiv wahrnehmen können.
Welche Grundpositionen durchlaufen wir in unserer Entwicklung vom Liegen zum Stehen und warum sind sie wichtig für alle anderen Funktionen, die wir zur gleichen Zeit ausüben?
Auf der Grundlage dieser Erfahrungen werden Strategien entwickelt, wie man eine Position zur Förderung des Essens, Trinkens und Schluckens optimal gestalten kann.

WS-D

Ein therapeutischer Ansatz für alle Teammitglieder: Alltägliche Handlungskompetenzen bei den Mahlzeiten und Mundpflege fördern und erhalten mit der F.O.T.T.®

Referentin:
Ricki Nusser-Müller-Busch

MSc, Logopädin, Instruktorin für F.O.T.T.® und manuelle Schlucktherapie, Berlin

Die F.O.T.T.® (Die Therapie des facio-oralen Trakts) wurde in den 1970er-Jahren von der englischen Sprachtherapeutin Kay M. Coombes in Zusammenarbeit mit dem Ehepaar Berta und Karel Bobath entwickelt. Die gezielte Unterstützung entlang der gesamten Schlucksequenz steht bei Kindern und Erwachsenen mit zerebral bedingten Störungen von Muskeltonus und Haltung und deren Auswirkungen auf den facio-oralen Trakt im Vordergrund. Das Wissen um die funktionellen koordinativen Zusammenhänge und Auswirkungen von Haltung-Bewegung zur Sicherung der Atemwege wird insbesondere über die prä-orale Phase genutzt und im Alltagskontext angebahnt - immer entlang der gesamten Schlucksequenz - mit dem Wissen, dass eine Phase in der Schlucksequenz , die nächst folgende beeinflusst. Es wird daher viel Wert auf die Herstellung der optimalen dynamisch- stabilen Haltung von Kopf und Körper beim Schlucken und Atmen gelegt - zur Erleichterung und Sicherung der Atem-Schluck-und Atem-Stimm-Koordination für das effektive Speichelschlucken, Sprechen und Abhusten im Notfall. Das senso-motorische (Wieder-)Er-Lernen einer sicheren physiologischen Schlucksequenz findet über spezifische und interprofessionelle Maßnahmen über den ganzen Tag verteilt und auch in der Nacht - durch spezifische Positionierungen zum Schutz vor Aspirationen statt.
In diesem Workshop werden alltägliche und spezifische Maßnahmen, die das interprofessionelle Team - bestehend aus Therapeuten und pädagogischen Mitarbeitern - anhand von Sitz-Ess-Begleitungen und die sich anschließende Mundpflege sowie Ruhepositionierung aufgezeigt; es besteht die Möglichkeit generell hilfreiche taktile Unterstützungen entlang der Schlucksequenz auszuprobieren.

WS-E

Essen und Trinken bei Menschen mit geistiger und Komplexer Behinderung und auch bei Demenz: "Wenn das Essen und Trinken zur Last wird"

Referentin:
Eva-Maria Anslinger
Dipl.-Pädädagogin, Krankenschwester, Hamm

Mit dem Auftreten einer demenziellen Erkrankung bei Menschen mit geistiger Behinderung lassen sich schon in einer frühen Phase Veränderungen und Beeinträchtigungen bei der Nahrungsaufnahme feststellen. Schwierigkeiten im Umgang mit dem Besteck, das Nachlassen von Benimmregeln am Tisch,  Ungeschicklichkeiten, eine häufig verlangsamte Speisenaufnahme wie auch Probleme beim Kauen und Schlucken können solche Anzeichen sein. Doch häufig werden diese nicht als Hinweis auf eine demenzielle Erkrankung interpretiert, sondern vielmehr als Nachlässigkeit oder fehlendes Bemühen gewertet. So können konfliktträchtige Mahlzeitensituationen entstehen, die mit einem herausfordernden Verhalten seitens des Betroffenen beantwortet werden. Letztendlich aber sind sie Ausdruck von Hilflosigkeit und zunehmender Kompetenzverluste.
Doch auch fortschreitende, krankheitsbedingte Sprach- und Verständigungsprobleme des geistig behinderten Menschen führen dazu, dass akute oder chronische Probleme im Mund- und Zahnbereich kaum oder gar nicht geäußert werden können. Ob Schmerzen, Entzündungen, Wucherungen oder gar Ulcera im Mundbereich, sie alle können zu einem ablehnenden Essverhalten oder gar zur Essensverweigerung führen und ernsthafte körperliche Folgen wie auch Mangelerscheinungen nach sich ziehen. 
Die mit dem körperlichen Alterungsprozess einsetzenden Verschlechterungen der Sehleistungen oder gar das Auftreten von Augenerkrankungen erschweren oft zusätzlich die Mahlzeitenaufnahme und führen zu Missgeschicken wie das Kleckern oder das Verschütten von Speisen am Tisch.  
Eine gute Anpassung der Sehhilfen, Verbesserungen der Lichtverhältnisse sowie eine farblich kontrastreiche Darreichungsform von Speisen und Getränken sind Beispiele für unterstützende Maßnahmen, die dazu beitragen, dass der ältere, geistig behinderte Mensch wie auch der an Demenz Erkrankte wieder mehr Freude und Genuss am Essen und Trinken entwickeln kann.
Im Workshop werden altersbedingte Beeinträchtigungen sowie wichtige Einflüsse einer Demenzerkrankung auf die Aktivität Essen und Trinken gemeinsam erarbeitet und vorgestellt.
Neben ausgewählten Tipps und Anregungen aus der Pflege werden hilfreiche Maßnahmen zur Mahlzeitengestaltung vorgestellt und in der Gruppe reflektiert.

WS-F

Geschmacksangebote für Menschen, die nicht (mehr) oral ernährt werden

Referentinnen:
Beate Kellner
Sozialarbeiterin, Heilpädagogin, Kursleiterin Basale Stimulation, Neuwied
Annette Kreuser-Stanke
Förderschullehrerin, Kursleiterin Basale Stimulation in Pädagogik und Therapie, Neuwied

Menschen, die nicht mehr oral essen und trinken, die über Sonde ernährt werden und kein Volumen schlucken können oder dürfen, sind in mehrfacher Hinsicht eingeschränkt, im eigenen Erleben und der Teilhabe ge- und behindert.
"Luft mit Geschmack" hergestellt mit dem Seneo Pro AIR-Set, kann dem entgegenwirken und erfüllt ganz verschiedene Zielsetzungen, z.B.

  • abwechslungsreiche Geruchs- und Geschmackserlebnisse
  • Teilhabe an gemeinsamen Mahlzeiten, nicht nur Teilnahme, im Sinne von Dabeisitzen
  • Mundbefeuchtung
  • Frische im Mund, auch über das Angebot hinaus
  • Erhöhung der Vigilanz durch orale Stimulation
  • gustatorisches Erleben, das auch Erinnerungen an vergangene Erfahrungen und Erlebnisse wecken kann.

Obstsaft, Wein, Speck, Knoblauch, Popcorn, Bonbons oder Cognac, der geschmacklichen Vielfalt sind nur wenige Grenzen gesetzt.
Der Workshop zeigt den Umgang mit dem Gerät, den Einsatz eingebettet in das Konzept der Basalen Stimulation.
Er bietet die Möglichkeit verschiedene "Luft mit Geschmack" herzustellen und selbst zu probieren.
Von vielfältigen Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen wird berichtet.

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